KHS competence: Herr Steinle, was hat Ihnen denn heute Morgen der Blick in die Kristallkugel verraten?

Steinle (lächelnd): Dieses Instrument gehört nicht zu unserer Ausstattung. Es wäre auch wirklich ein Dilemma, wenn so etwas funktionieren würde. Stellen Sie sich einmal vor, wir könnten die Zukunft tatsächlich vorhersehen. Das hieße ja zugleich, dass sie unabwendbar ist. Wir wären Marionetten und keine Menschen, die mit ihren Überlegungen und Handlungen die Zukunft gestalten und verändern können.

Wo liegen Ihre Aufgaben im Unternehmen?

Unsere wesentliche Aufgabe besteht darin, Menschen und Unternehmen zum proaktiven Handeln zu befähigen, indem wir sie über Trendentwicklungen informieren. Zudem helfen wir, dieses Wissen im jeweiligen Business anzuwenden. Dazu gehört auch direkte Unterstützung beim Entwickeln von innovativen Produkten und Dienstleistungen.

Und wie kann man sich die konkrete Arbeit vorstellen?

Für unsere Trendanalysen nutzen wir im Prinzip die gleichen Tools wie Journalisten. Aus den eingeholten Informationen beziehen wir spannende Erkenntnisse. Es werden interne empirische Untersuchungen durchgeführt, alle gesammelten Daten miteinander verknüpft und Hypothesen über die Zukunft abgeleitet. Diese wiederum überprüfen wir anhand qualitativer und quantitativer Indikatoren.
Als hilfreiches Instrument für strukturierte strategische Veränderungsprozesse in Unternehmen haben wir unsere Megatrend-Map entwickelt. Sie veranschaulicht die elf großen globalen gesellschaftlichen Veränderungen einschließlich aller Facetten, Vernetzungen und Einflussbereiche. Dabei zeigt sich, dass Megatrends als sehr langfristige globale Entwicklungen branchenübergreifend sind und in sämtliche Lebensbereiche hineinwirken.

Welche Trends sehen Sie für den Markt der Getränke- und Lebensmittelindustrie?

Hier spielt vor allem der Megatrend der Individualisierung eine Rolle, der vielfältige Möglichkeiten eröffnet. Wir gehen davon aus, dass er den Getränke- und Lebensmittelmarkt am stärksten verändert. Der Individualisierungsprozess forciert kleinere Losgrößen in Verbindung mit personalisierten Produkten und Verpackungen.

Was heißt das genau?

Verbraucher unterstützen am liebsten die kleine Brauerei um die Ecke, weil sie deren Angebot mit Produkten aus der Heimat verbinden. Hierzu passt auch der starke Trend zu Craft-Bieren, die sich mit eigenem Charakter bewusst aus der Masse abheben. Ein vergleichbarer Trend entstand in den letzten Jahren bei Lebensmittelprodukten, die ebenfalls ein Heimatgefühl erzeugen wollen, wie beispielsweise Joghurts mit heimischen Früchten. Beide Entwicklungen entsprechen dem Wunsch der Kunden, dazu beizutragen, dass Vielfalt erhalten bleibt und lokale Wertschöpfungsketten weiter bestehen. Im Grunde verknüpft der Kunde damit eine bessere Welt – und die beginnt für ihn erst einmal im Kleinen, direkt vor seiner Haustür.

Welche Veränderungen ergeben sich für die Anbieter?

Wenn sich unsere Welt hin zu ortsnahen Kreisläufen entwickelt und wir wieder mehr kleinere Unternehmen haben, können diese ihre lokalen Vorteile ausspielen. Sie punkten mit Nähe und mit individuellen Besonderheiten, was den Menschen heute wichtig ist. Auch hier wirkt die Individualisierung, denn kleine Anbieter können sich mit speziellen Lösungen gezielt differenzieren.

Was empfehlen Sie den großen Food-Produzenten?

Für industrielle Hersteller von Lebensmitteln und Getränken besteht die Kunst darin, das Große mit dem Kleinen zusammenzubringen. So wie es beispielsweise die Automo­bil­branche mit ihren individuellen Fahr­zeugkonfigurationen schafft. Warum sollte es nicht auch im Food-Bereich globale Marken geben, die sehr viel stärker auf lokale Ressourcen zurückgreifen? Also Marken, die einen anderen Ansatz fahren und sagen: Wir haben ein weltweites Qualitätsversprechen, aber mit einer sehr ortsnahen Erfüllung.

Andreas Steinle, Geschäftsführer der Zukunftsinstitut Workshop GmbH
Andreas Steinle, Geschäftsführer der Zukunftsinstitut Workshop GmbH
Andreas Steinle, Geschäftsführer der Zukunftsinstitut Workshop GmbH
Andreas Steinle, Geschäftsführer der Zukunftsinstitut Workshop GmbH
Andreas Steinle, Geschäftsführer der Zukunftsinstitut Workshop GmbH

Andreas Steinle, Geschäftsführer der 2014 gegründeten Zukunftsinstitut Workshop GmbH, im Gespräch mit KHS competence.

»Die Stärke liegt in Innovations­führerschaft und Zukunftsoffenheit.«

Andreas Steinle,
Geschäftsführer der Zukunftsinstitut Workshop GmbH

Heißt dies auch, dass es künftig mehr individuelle Lösungen bei der Verpackung gibt?

Ja, der Trend gilt ebenso für die Verpackung. Individualisierung gewinnt an Bedeutung – bei den Formen und bei der Beschriftung.

Was bedeutet das für Hersteller von Verpackungs­maschinen und -anlagen?

Entscheidend ist stets, sensibel für Veränderungen zu sein, Strategien immer wieder in Frage zu stellen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann sich Systeme verändern oder drehen. Heute sprechen wir über Real-Time-Business, aber die Zukunft ist Predictive Business. Dabei gilt es verstärkt zu erkennen, wo zukünftiges Geschäft liegt und die Kunden dahingehend zu beraten.

Die Welt vernetzt sich immer mehr. Verändert dies das Leistungsspektrum?

Auf jeden Fall. Produkte und Dienstleistungen können nicht mehr isoliert betrachtet werden. Wir werden in Zukunft nur noch kombinierte Angebote haben, wo mit der Anlage zugleich Datenanalysen und Beratungsleistungen geliefert werden. Immer mehr Produkte werden mit kommunikativer Intelligenz ausgestattet sein und dem Anwender Feedback geben können. Ein schönes Beispiel ist die bereits existente intelligente Zahnbürste. Sie misst die jeweilige Zahnputzzeit und gibt auf einem integrierten Display per Smiley zu erkennen, ob lange genug geputzt wurde. In der nächsten Kommunikationsstufe können zusätzliche Medien zum Einsatz kommen. Dann motiviert das Smartphone, die Putzzeiten einzuhalten, und zwar in sehr unterhaltsamer Form. Da sind wir dann bei wesentlich komplexeren Angeboten, für die sich übergreifende Teams zusammenfinden – mit Produktentwicklern, Ingenieuren, Mediengestaltern und TV-Produzenten an einem Tisch.

Im Prinzip gilt es also, zu erkennen, welche Daten man hat und was sich damit machen lässt. In diese Richtung zielt ja auch die kürzlich von KHS entwickelte App, mit der Kunden jederzeit und von jedem Ort Zugriff auf die relevanten Informationen ihrer Maschinen und Anlagen haben.

Megatrend-Map: Verdeutlicht die elf großen globalen gesellschaftlichen Veränderungen einschließlich aller Facetten, Vernetzungen und Einfluss­bereiche.
<strong>Megatrend-Map</strong>: Verdeutlicht die elf großen globalen gesellschaftlichen Veränderungen einschließlich aller Facetten, Vernetzungen und Einfluss­bereiche. Andreas Steinle: »Unsere Welt lebt von Cross-Innovation, dem Verknüpfen von Trends.«

Was ist im Hinblick auf die Nachhaltigkeit zu erwarten

Das Nachhaltigkeitsbewusstsein wird stetig weiter wachsen. Davon sind wir felsenfest überzeugt. Bio-Getränke zum Beispiel sind häufig als Gegenentwurf zur Massenproduktion konzipiert. Sie sollen signalisieren: Alles ist von Hand gemacht und es kommt nur rein, was auch rein soll. Oft ist auch ein sozialer Aspekt integriert. So gibt es Hersteller, die mit jeder verkauften Flasche zusätzlich den fairen Handel oder soziale Projekte unterstützen.

Dabei machen sich wohl auch demografische Entwicklungen bemerkbar?

Sicher. Die junge Generation ist sehr viel offener. Sie ist auch mit einem ganz anderen Wir-Gefühl aufgewachsen und hinterfragt mehr. 

Wo sehen Sie weitere Ansatzpunkte für verstärkte Nachhaltigkeitsaktivitäten der Branche?

Hier kann man beispielsweise mit einer neuen Diskussion einsteigen und über Ökobilanzen belegen, welche Vorteile sich durch den geringeren Ressourcenverbrauch in der Produktions- und Versorgungskette ergeben. Auch da sehen wir, dass sich der Ökologiegedanke trägt. 

Sind denn Verbraucher bereit, für Nachhaltigkeit mehr zu zahlen?

Beim Thema Bio und bei vergleichbaren Konzepten, die einen guten und moralischen Mehrwert bieten, honorieren Kunden dies mit einem Zuschlag von etwa 10 Prozent. Bei lokalen, gutnachbarschaftlichen Produktlösungen darf es auch ein bisschen mehr sein.

Gilt das auch für Verpackungen?

Verbraucher sehen die Verpackung nicht isoliert. Sie interessiert das Gesamtkonzept, von dem die Verpackung ein Teil ist. Gefragt ist eine möglichst kluge Verbindung aus dem Produktkonzept, dem Herstellungsprozess inklusive der gesamten Lieferkette und dem Image des Unternehmens, das dahinter steht. Wenn das gut zusammenpasst, dann sind Verbraucher bereit, einen Aufpreis zu zahlen.

Wie positionieren sich Glas und PET?

Wenn wir uns den stark gewachsenen Bio-Markt anschauen, dann ist Glas derzeit ein dominantes Verpackungsmittel. Dies hält Kunden aber nicht davon ab, auch die praktischen und leichteren PET-Flaschen zu kaufen. Es gibt also nicht mehr die alten Polarisierungen, dass das eine gut und das andere schlecht ist. So macht in dem einen Kontext vielleicht das Glas mehr Sinn und in dem anderen PET.

Ich denke, es bestehen gute Chancen, über geeignete Konzepte verstärkt mit PET auf den Markt zu gehen. Beispielsweise indem man eine wirklich originäre Form und einen innovativen Ansatz findet und beides miteinander verknüpft.

Welche Rolle spielt künftig das Recycling?

In diesem Bereich eröffnen sich einige Potenziale. Hier muss sich das Kreislaufdenken verbreitern. Wir befinden uns ja noch in sehr isolierten Kreisläufen: PET kann wieder zu PET-Flaschen werden. Aber denken wir doch mal ein paar Jahre weiter: Man könnte mit dem Material gebrauchter Flaschen einen 3-D-Drucker füttern und beliebige Gegenstände fertigen. Diese müssten noch nicht einmal selbst designt werden, denn die Vorlage für den 3-D-Print käme vielleicht von Unternehmen A und ließe sich als digitale Datei im Internet-Store von Unternehmen B downloaden. Da befinden wir uns dann in einer ganz anderen Dimension von Kreisläufen, die auch deshalb Sinn machen, weil Produkte nicht mehr über große Strecken verschickt werden müssen.

Größere Konzeptvielfalt und innovative  Kreisläufe – was können wir von PET in den nächsten zehn oder 20 Jahren noch erwarten? 

Unsere Welt lebt ja von Cross-Innovation, also der Verknüpfung von Trends unterschiedlicher Branchen. Dabei werden auch die Verbindungen aus verschiedenen Materialien sehr spannend. Ein aktuelles Beispiel, an das ich gerade denke, ist ein Porzellanhersteller aus Thüringen. Das Unternehmen kombiniert Porzellan mit einer individuellen, samtweichen Beschichtung und verzeichnet damit einen sensationellen Aufstieg.

Wer weiß – möglicherweise werden wir künftig nicht mehr die Polarität von Glas und PET haben, sondern verstärkt innovative Verschmelzungen. Bei KHS gibt es ja schon einen PET-Glas-Verbund*. Das bietet sich insbesondere für Kunden an, die mit ihren Produkten zugleich ein besonderes Qualitätsversprechen verkaufen wollen. Auch hier liegt die Stärke in Innovationsführerschaft und Zukunftsoffenheit.

Vielen Dank, Herr Steinle, für das Gespräch und den interessanten Blick in die Zukunft.


Das Interview führte Jörg Michael Pläske.

Ihre Ansprechpartner zum Thema

Frank Hollmann
Leiter Market Zone Asia Pacific
KHS GmbH, Bad Kreuznach

Telefon: +49 671 852-2888
E-Mail: frank.hollmann@khs.com

Detlef Mette
Projektmanagement Market Zone Asia Pacific
KHS GmbH, Bad Kreuznach

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E-Mail: detlef.mette@khs.com