Nicht wenige halten Craft Beer immer noch für einen vorübergehenden Marketing-Hype oder gar für ein Nischen­produkt von Spinnern für Spinner. Welche Halbwertszeit hat das Phänomen aus Ihrer Sicht, Frau Klotz?

Craft Beer wird bleiben. In den USA, von wo der Trend ursprünglich ausging, hat es heute schon einen wertmäßigen Marktanteil von 20 Prozent. Das ist keine Nische mehr, sondern ein ordentliches Stück vom Kuchen. Immer mehr Menschen machen sich Gedanken darüber, woher ihre Lebensmittel kommen und was sie zu sich nehmen. Das kennen wir von Fleisch, Obst und Gemüse, aber auch vom Brot, für das wir uns auf die Suche nach dem Bäcker machen, der noch selbst backt. Im Grunde geht es immer um das Gleiche: ein transparentes, in gewisser Weise handwerkliches Produkt, dessen Hersteller der Verbraucher kennt. Dieser Zeitgeist erfasst auch das Bier. Der bewusste Konsument möchte kein Bier mehr, das irgendwo anonym vom Band läuft, sondern bevorzugt eines, für das der Brauer sein Gesicht hergibt.

Craft Beer ist damit ein sichtbarer Ausdruck des Megatrends Neoökologie. Gilt aber nicht das Gleiche auch für die Biere aus unseren kleinen, traditionellen Brauereien?

Absolut. Und mit der hohen Aufmerksamkeit, die Craft Beer genießt, wirkt es wie eine Art Hohlspiegel, der ein Licht auf die traditionellen Brauereien zurückwirft. Nehmen Sie zum Beispiel jemanden, der gerade in Kalifornien ein Rauchbier getrunken hat, das er spannend und cool fand. Zurück in Deutschland stellt er fest, dass es das auch hierzulande gibt – etwa in Franken. So wächst das Interesse an den alteingesessenen, kleinen Handwerksbrauereien, unter denen viele Hidden Champions sind, also Brauer, die ohne viel Aufhebens ex­trem gute Biere machen. Viele traditionelle Brauer, die am Anfang Craft Beer eher verhalten gegenüberstanden, erkennen inzwischen, welchen Wert dieser Trend auch für sie schafft, indem junge Deutsche plötzlich ein neues Bierbewusstsein entwickeln. Und das tut auch ihnen gut.

Genau auf der Grenze zwischen Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg: Nina Anika Klotz vor dem Kaschk, einer Bar für außergewöhnliche Kaffeespezialitäten und Craft Beer.
Eine ausgewiesene Fachfrau für Craft Beer ist die Journalistin Nina Anika Klotz.
Im Glas (von links nach rechts): Lenny’s White Weasel Ale, ein Nelson Weisse von Camba Bavaria und – für den Fotografen – ein BRŁO Pale Ale.
Ein Craft Beer sollte sich vom Durchschnittsgeschmack abheben und viel Charakter haben.
Genau auf der Grenze zwischen Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg: Nina Anika Klotz vor dem Kaschk, einer Bar für außergewöhnliche Kaffeespezialitäten und Craft Beer.
Man muss nicht viel über Craft Beer wissen, um es trinken zu können. Das Entscheidende ist doch, ob es einem schmeckt oder nicht.
Nicht alle Biere überzeugen restlos: Die Szene ist noch jung und manche Brauer üben noch.
Man muss nicht viel über Craft Beer wissen, um es trinken zu können. Das Entscheidende ist doch, ob es einem schmeckt oder nicht.

Was verstehen Sie beim Bierbrauen ganz konkret unter Kreativität?

Sie ist das, was den Craft Brewer zum Beispiel vom mittelständischen Unternehmer in Franken unterscheidet, der in der x-ten Generation unverändert sein Helles braut und sonst nichts. Kreativität mache ich aber nicht am Bierstil fest: Wer ein IPA* braut, ist nicht automatisch Craft Brewer. Eher umgekehrt: In München zum Beispiel braut Tilmans Biere ein Helles, das sehr gut und ganz anders schmeckt als die traditionellen Münchner Hellen – ein absoluter Craft Brewer. Ich denke, ein Craft Beer sollte sich vom Durchschnittsgeschmack abheben und so viel Charakter haben, dass es auch bierunerfahrene Verbraucher aus einer Reihe von Mainstream-Pils herausschmecken könnten.

Anmerkung der Redaktion: IPA = Indian Pale Ale

Wie reagieren die großen Brauereien auf den Craft-Beer-Trend?

Radeberger hat nicht reagiert, sondern agiert, indem sie zu den ersten Brauereien gehörte, die unter dem Namen Brau­factum Craft Beer gebraut haben. Bitburger braut unter seiner Submarke Craftwerk sehr gute und besondere Biere in kleinen Chargen, zum Beispiel ein Belgian Style Tripel oder ein IPA. Beck’s hat zwar keine eigene Marke geschaffen, aber mit „Taste the World“ eine Serie aufgelegt, die in Supermärkten und beim Discounter verkauft wird. Ein Sonderfall ist die Nordmann-Gruppe, ursprünglich ein Getränkegroßhandel, dem in Hamburg Ratsherrn und in Stralsund Störtebeker gehören. Dieses Unternehmen verfügt natürlich über die optimalen logistischen Voraussetzungen, und inzwischen wurden in Hamburg „Das alte Mädchen“ und hier in Berlin „Das Doldenmädel“ eröffnet, eigene Restaurants, die neben den Nordmann-Bieren auch die anderer Craft Brewer promoten und so den Schulterschluss schaffen. Das alles sind Beispiele dafür, dass die großen Unternehmen erkannt haben, dass es Handlungsbedarf gibt.

Sehen Sie zwischen dem deutschen Reinheitsgebot auf der einen Seite und Craft Beer auf der anderen ein Spannungsverhältnis?

Die Craft-Beer-Bewegung wird häufig wie ein Gegenpol positioniert, der sie eigentlich gar nicht sein will. Die meisten Craft Beer werden nämlich gemäß dem Reinheitsgebot gebraut – manche, weil die Brauer keinen Sonderantrag stellen wollen, andere, weil sie es für die Sorten, die sie brauen wollen, ein IPA zum Beispiel, gar nicht müssen, die meisten Bierstile sind mit dem Reinheitsgebot vereinbar. Manche Craft Brewer sehen im Reinheitsgebot sogar eine Herausforderung: Sie wollen beweisen, dass sie allein durch die Wahl der Hopfensorte und durch ihre Braukunst ein Bier machen können, das intensiv nach Grapefruit schmeckt, ohne dass Grapefruit reinmuss. Ein paar legen es aber auch tatsächlich darauf an, sich mit ihren belgischen Fruchtbieren oder den Gewürzen, die sie ins Bier geben, als Anti-Reinheitsgebots-Brauer zu positionieren.

Mit welchen Konsequenzen müssen diese Brauer rechnen?

Außer in Bayern ist das eigentlich relativ egal, weil man nur einen Sonderantrag zum Brauen „besonderer Biere“, wie es offiziell heißt, stellen muss, dem meistens stattgegeben wird. Das erfordert einen gewissen Verwaltungsaufwand und kostet ein bisschen, aber das nehmen die Brauer gerne in Kauf, auch hier in Berlin, wo sie ein Framboise, also ein Himbeerbier, und andere tolle ­Sachen brauen. Nur in Bayern geht das nicht: Dort gab es sogar einen Präzedenzfall, bei dem die Brauerei Camba Bavaria in Truchtlaching eine Charge Milk Stout vernichten musste, weil das Bier der Tradition entsprechend mit Milchzucker vergoren war und damit nicht dem Reinheitsgebot entsprach.

»Die großen Brauereien haben erkannt, dass es Handlungsbedarf gibt.«

Ist das Reinheitsgebot aus Ihrer Sicht für alle Zukunft in Stein gemeißelt?

Die Verbände sehen einen gewissen Handlungsbedarf, das Reinheitsgebot beziehungsweise das Vorläufige Biergesetz von 1993 so zu überarbeiten, dass es die Verwendung anderer natürlicher Zutaten auch in Bayern erlaubt. Wer ein Bier mit Orangenschalen oder mit Koriander aromatisieren möchte, ist schließlich kein Panscher, sondern nur jemand, der kreativere Biere brauen will, als wir es bisher tun.

Welche Chancen hat Craft Beer denn in einem Markt, der seit Jahren insgesamt deutlich schrumpft?

Interessant ist, dass Craft Beer mit seiner Vielfalt sogar für neues Marktpotenzial sorgen kann, indem es Leute „abholt“, die mit Bier bisher Pils verbinden, für das sie sich vielleicht nicht so richtig erwärmen können. Wenn so jemand zum Beispiel ein Chocolate Stout probiert, merkt er, dass das ein interessantes Produkt mit einem ganz anderen Geschmack ist. Es gibt schon Zahlen, die zeigen, dass sich der Rückgang beim Bierkonsum verlangsamt beziehungsweise dass er stagniert – daran haben die neuen Biere sicher auch ihren Anteil.

Findet unter den Craft Brewern schon so etwas wie eine Marktkonsolidierung statt?

Bei uns steht noch aus, dass die erste Craft Brewery von einem Bierkonzern übernommen wird – in den USA passiert das zurzeit ständig. Es bleibt abzuwarten, welche negativen Auswirkungen das dort hat, ob beispielsweise die Brauer unter den neuen Eigentümern weiterhin die Freiheit haben, ihr Bier in der gewohnten Qualität herzustellen. Eine Gefahr für die Kleinen könnte darin bestehen, dass die großen Brauereien die Belieferung der Supermarktketten mit ihrem Mainstream-Bier an die Bedingung knüpfen, dass auch die zum Konzern gehörenden Craft-Beer-Sorten ins Portfolio aufgenommen werden. Dann wäre der Kühlschrank voll und es gäbe keinen Platz mehr für die lokalen Biere, die damit ein Vertriebsproblem bekämen. In den USA setzen die Craft Brewer deshalb heute schon stark auf den lokalen Vertrieb, zumindest über den eigenen Hofverkauf und die in der Regel angeschlossene kleine Bar. So erzielt man natürlich ganz andere Margen, und wer damit genug umsetzt, kann sich so ein Stück Unabhängigkeit bewahren.

»Immer mehr Craft Brewer können inzwischen die regelmäßige Belieferung des Einzelhandels gewährleisten.«

Sie haben Craft Beer als handwerkliches Produkt ­bezeichnet – wie viel Handarbeit steckt denn tatsächlich drin, und mit welcher Ausrüstung wird gebraut?

Sobald der Craft Brewer sich aus dem Home- und Hobbybrauen heraus professionalisiert, hört es mit der richtigen Handarbeit auf. Die meisten fangen als Gypsy-Brauer an, die auf fremden Anlagen arbeiten. Dann leistet man sich den ersten eigenen Gärtank, der vielleicht noch in einer anderen Brauerei steht, und irgendwann reicht es für ein kleines Sudhaus. Eine eigene Abfüllanlage wird erst angeschafft, wenn ein bestimmter Level erreicht ist. Bis dahin fährt man rum und nutzt die Anlagen von Privatbrauereien, wenn auf diesen mal nichts läuft. Als optimale Bierverpackung, die das Bier vor Sauerstoff und Licht schützt, ist die Dose auf dem Vormarsch – eigentlich ein kleines Keg, wenn man so will. In Deutschland – und nur hier – hat Dosenbier zwar ein negatives Image, aber wer mutig genug ist, kann sich mit der Dose vom Wettbewerb absetzen. Da tut sich zwar viel, aber es ist nicht leicht für Craft Brewer Dosenabfüller zu finden, die auch kleine Chargen abfüllen.

Wie wird sich der Markt für Craft Brewer zukünftig entwickeln?

Inzwischen gibt es spezialisierte Bierverlage, die das erklärungsbedürftige Produkt Craft Beer sowohl in die Gastronomie als auch in den Handel bringen. Edeka und Rewe bestücken erste Regale mit lokalen Bieren. Für die kleinen Brauer ist das ein wichtiger Fortschritt: Hier können sie auch ganz normale Kunden für sich begeistern, die dann immer wieder einen Kasten kaufen – statt wie die Nerds immer nur nach dem neuesten Produkt zu suchen.

Immer mehr Craft Brewer können inzwischen die regelmäßige Belieferung von Einzelhandelsketten gewährleisten, entweder indem sie sich sudweise als so genannte Gypsy Brewer bei größeren Brauereien einmieten oder indem sie ihre eigenen Kapazitäten behutsam ausweiten. BRŁO beispielsweise baut mitten in Berlin eine große Brauerei mit Tap Room und Biergarten, ihr Pale Ale wird auf Air-Berlin-Flügen angeboten; das macht die Marke sehr viel bekannter. Aus meiner Sicht sind das richtige Schritte. Ich wünsche mir von den Brauern, dass sie stärker aus ihrer Bierecke herausdenken und im Lebensmitteleinzelhandel die Kunden abholen, die zwar über das Thema Craft Beer bisher nicht so viel wissen, dafür aber offen sind. Das haben bislang leider viele verschlafen.


Das Interview führte KHS competence-Redakteur Stuart J. Nessbach