KHS competence: Herr Professor Langowski, zu Ihren Forschungsfeldern zählen Kunststoffmaterialien in der Verpackungstechnik, aber auch Informationstechnologie für den Betrieb von Abfüllanlagen. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Prof. Dr. Langowski: Beides sind wichtige Felder der Abfüll- und Verpackungstechnik. Bei der Informationstechnologie geht es um Schnittstellen im Hinblick auf Maschinensteuerung, Datenerfassung, Simulationen und vieles mehr. Kunststoffverpackungen wiederum bilden die Schnittstelle zwischen Inhalt und Umgebung.

Das bringt uns zum Thema: Was erwarten Verbraucher insbesondere von Getränkeverpackungen?

Verbraucher stellen viele Anforderungen. Manche möchten leichte Flaschen. Sie wollen keine schwere Getränkekiste fünf Stockwerke hoch in ihre Wohnung schleppen. Andere wünschen sich, dass die Verpackungen einfach zu handhaben sind und gut zu öffnende Verschlüsse haben. Dann gibt es den gesundheitsbewussten Teil der Bevölkerung, der großen Wert auf einen möglichst naturbelassenen Inhalt legt. Und all jene, die bestimmte Imageanforderungen an das stellen, was sie genießen: Dieser Personenkreis favorisiert besonders hochwertige Getränkeverpackungen.

Was bevorzugen Sie persönlich?

Es kommt auf das Produkt an. Bei Fruchtsäften, die ich im Getränkemarkt um die Ecke kaufe, sind es zwangsläufig Glasflaschen, weil mein bevorzugter Anbieter darin abfüllt. Aber Mineralwässer kaufe ich in PET-Einwegflaschen. Wein in PET habe ich bisher noch kaum probiert. Man muss auch lange suchen, um so etwas zu finden. So weit geht die Liebe zu diesem Verpackungsstoff bei mir dann doch nicht.

Wenn wir mal einen Blick nach vorn werfen: Wohin entwickelt sich das Verpackungsmaterial der Getränkeindustrie?

Viele Verbraucher möchten es leicht und bequem. In diese Richtung wird es also weitergehen. Zudem wird es mehr Individualflaschen geben, auch im Mehrwegbereich. Fest steht aber auch: So eine Art Einheitsverpackung, wie man sie sich mal vorgestellt hat – leicht, einfach zu recyceln oder wiederzuverwenden – die wird es garantiert nicht geben. Und die Dosen werden auch wiederkommen, da bin ich ziemlich sicher.

Wo sehen Sie die Stärken der Dose?

In der komfortablen Nutzung, aber auch darin, dass die Dose unter Produktschutzaspekten überzeugt, beispielsweise im Hinblick auf Lichtschutz und Sauerstoffschutz.

Prof. Dr. Horst-Christian Langowski, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV
Prof. Dr. Horst-Christian Langowski, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV
Prof. Dr. Horst-Christian Langowski, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV

Prof. Dr. Horst-Christian Langowski, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV, im Gespräch mit KHS competence.

Metall, Glas, Kunststoff – was ist bei Getränke­verpackungen das bestmögliche Material?

Wird die Getränkeverpackung von der Materialseite her gesehen, dann ist PET mit Sicherheit weiter auf dem Vormarsch, und zwar das Einweg-PET. Verbraucher, die keinen Kunststoff wollen, sagen oft: Wir kaufen unsere Getränke in Glasflaschen. Aber das ist zu kurz gedacht, denn einen Kunststoffverschluss oder Metallverschluss mit Kunststoffdichtung haben sie doch. Ohne Kunststoff geht es kaum – dieses Material hat man eigentlich immer.

Aber bei strikten Einteilungen in Metall, Glas und Kunststoff bin ich immer etwas skeptisch, weil wir ja auch Mehrschichtmaterialien entwickeln. Das ist dann im Ergebnis häufig ein stark adaptiertes, maßgeschneidertes Material aus vielen Schichten, zu denen auch eine oder mehrere PET-Schichten zählen können. Vor diesem Hintergrund denke ich nicht, dass es nur ein optimales Verpackungsmaterial gibt.

Ihr Lehrstuhl arbeitet an Projekten zu den Wechsel­wirkungen zwischen Lebensmitteln, Verpackung und Umwelt. Wie schlägt sich PET in diesem Umfeld?

Meine Wechselwirkungs-Spezialisten halten PET für einen idealen Werkstoff. Von den Kunststoffen ist PET mit Abstand der Beste. Wenn ich einfach mal alle Aspekte einbeziehe, welcher Kunststoff am wenigsten Additive hat, am temperaturstabilsten ist, die geringsten Einsatzmengen braucht und vieles andere, dann lande ich immer wieder beim PET. Keine Frage: PET ist ein sehr zukunftsträchtiges und nachhaltiges Material.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für die Verpackungsindustrie?

Da gibt es mehrere. So erwarten Verbraucher von den verpackten Produkten, dass sie gesundheitlich unbedenklich und sicher verpackt sind. Inhaltsstoffe dürfen nicht mit den Verpackungsmaterialien reagieren. Die Anforderungen an diese Inertheit der Verpackungsmaterialien werden immer weiter steigen. Das ist eine Herausforderung, die ich als Daueraufgabe sehe.

Eine andere Sache ist, dass Nachhaltigkeit gefordert wird. Ich sage dies ganz bewusst etwas relativierend, weil es nicht so ist, dass die eine Verpackung generell nachhaltiger ist als die andere. Die Einschätzungen dazu sind heute oft mehr durch Image als mit Fakten belegt.

Hinzu kommt, dass wir einen noch geringeren Materialeinsatz erreichen müssen. Da kommen dann neben der Frage des Gewichts wieder die Themen Ressourcenschonung und Recycling ins Spiel.

Stichwort Recycling: Hier ist Deutschland ja ein gutes Stück voraus.

Richtig. Die Medien vermitteln oft den Eindruck, dass es gewisse Probleme nicht gäbe, wenn man auf Kunststoffe verzichten würde oder deren Abbaubarkeit voranbrächte. In der Realität ist es aber eigentlich so, dass alles davon abhängt, ob ein Land es schafft, eine Infrastruktur einzurichten, die eine ökologisch orientierte Abfallwirtschaft garantiert.

»Die optimale Recyclingquote ist das Ergebnis vieler Faktoren.«

Prof. Dr. Horst-Christian Langowski,
Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV

Wie steht es um die internationalen Recyclingbemühungen?

Ich glaube nicht, dass es viele Länder gibt, in denen die Recyclingraten – gerade bei PET – so hoch sind wie in Deutschland. Hier ist es insbesondere dadurch einfach, hohe Recyclingraten zu erzielen, weil wir das Pfandsystem haben, auch für Einweg-Getränkeflaschen. Insgesamt gesehen gibt es bei diesem Thema viele Einflussfaktoren bis hin zu den geografischen Strukturen eines Landes mit vielleicht sehr großen Transportdistanzen. Die optimale Recyclingquote ist eben das Ergebnis vieler Faktoren. Materialeigenschaften sind nur ein kleiner Teil des Ganzen.

Welche Marktchancen sehen Sie für die vergleichs­weise teuren, aus nachwachsenden Rohstoffen produzierten Biokunststoffe?

Sie meinen Rohstoffe, die PET im Prinzip direkt substituieren könnten, also zum Beispiel so genanntes Bio-PET? Das stammt derzeit etwa zur Hälfte aus nachwachsenden Rohstoffen, überwiegend aus Zuckerrohr. Man kann mit Sicherheit auch Ersatzstoffe herstellen, die ganz aus nachwachsenden Rohstoffen stammen. Irgendwann werden wir die brauchen, weil die natürlichen Vorkommen des Kunststoffausgangsprodukts Rohöl nicht unendlich sind.

Und was ist mit der biologischen Abbaubarkeit?

Das ist etwas, wo ich mich frage: Brauchen wir diese Abbaubarkeit? Die Kompostierung ist ja in vielen Ländern überhaupt nicht umgesetzt. Und selbst wenn sie vorhanden ist: Warum sollen Verpackungen kompostiert werden, wo man sie doch recyceln oder energetisch verwerten kann? Welchen Sinn macht es, den in der Kunststoffverpackung steckenden Energiegehalt über ein paar Mikroorganismen an die Atmosphäre abzugeben und damit nichts zurückzubehalten? Solche Ansätze sind für mich in vielen Fällen idealisiert oder einfach Marketing.

Zurück zum Recycling: Die Nutzung von recyceltem PET zur Herstellung neuer PET-Flaschen soll erhöht werden.

Wir haben Projekte zu dieser Thematik im Haus. Unsere Abteilung Produktsicherheit und Analytik kümmert sich darum. Wichtig sind entsprechende Reinigungsschritte. Damit einher geht die Rückführung des Kunststoffs in einen Zustand, in dem er genauso bearbeitet werden kann wie beim ersten Durchgang. Wärmebehandlung und Vakuum sorgen dafür, dass sich die Polymerketten selbst reparieren. Das ist eine sehr angenehme Eigenschaft von PET, die andere Kunststoffe nicht haben.

Das deutsche RAL-Gütezeichen fordert, dass PET-Flaschen mindestens 25 Prozent PET-Flaschen­rezyklat beinhalten. Ist das ein ausbaufähiger Wert?

Ja. Aber auch ein Wert, gegen den ich eigentlich einen inneren Widerstand habe. Weil das einfach eine Zahl ist. Es spielen aber viele unterschiedliche Randbedingungen eine Rolle; zum Beispiel der Transportaufwand. Die Rezyklatrate als einzige Kennziffer für einen nachhaltigen oder umweltfreundlichen Prozess ist aus meiner Sicht zu kurzsichtig.

Individualität und Vielfalt sind wesentliche Merkmale zukünftiger Getränkeverpackungen.
Individualität und Vielfalt sind wesentliche Merkmale zukünftiger Getränkeverpackungen.

Wären denn – bei entsprechend guter Abwägung – rein theoretisch auch 100 Prozent Rezyklat machbar?

50 Prozent sind technisch gesehen überhaupt kein Problem, 75 Prozent wahrscheinlich möglich. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es auch Flaschen mit 100 Prozent Recyclingmaterial gibt. Es kommt aber auf den Sammel- und Sortieraufwand an, der ja beispielsweise zusätzliche Energieträger in Anspruch nimmt. Hier muss man – wie bei jedem anderen Prozess – mit spitzem Bleistift durchrechnen, ob Aufwand und Ergebnis in Relation zueinander stehen.

Wenn PET-Flaschen immer leichter werden: Was ist gewichtsmäßig machbar?

Man kann die Flaschen sicher noch ein bisschen leichter machen, muss das Ganze aber genau austarieren. Der Knackpunkt ist: Aus Verbrauchersicht muss Stabilität gegeben sein. Und diese hat physikalische Grenzen. Sehr leichte Flaschen lassen sich gut verwenden, wenn es um karbonisierte Getränke geht. Dann ist das Gesamtsystem aufgrund des Innendrucks durch die Kohlensäure relativ stabil. Aber lassen Sie mal von 100 Verbrauchern 50 recht kräftig zufassen, während sie den Verschluss aufmachen. Dann schwappt ihnen die große Welle entgegen und die Beliebtheit solcher Verpackungen geht schlagartig in die Knie.

Welche Anforderungen ergeben sich aus der Individualisierung?

Ich sehe die Individualisierung als einen zentralen Trend der nächsten Jahre. Hierzu gehört die Frage: Wie gelingt es, die individualisierten Produkte mit vertretbarem Aufwand zum Verbraucher zu bringen? Das ist eine logistische Aufgabe – vom Bestellwesen bis zur Auslieferung. Hinzu kommt die produktionstechnische Seite: Es muss eine Rückverfolgbarkeit möglich sein, um belegen zu können, dass der individuelle Inhalt exakt in der gewünschten Form bereitgestellt wurde.

Bei der Individualisierung muss ja nicht zwangsläufig der Inhalt variieren. Auch die Verpackung kann personalisiert werden, zum Beispiel über den Flaschenaufdruck.

Richtig, über das Direktdruckverfahren oder individuelle Etiketten. Das ist ein erster Schritt. Der zweite könnte sein, ein individuelles Getränk zu mischen. Hier kratzen wir noch ganz an der Oberfläche und es gibt eine Menge interessanter Möglichkeiten.

Vielen Dank, Herr Professor Langowski, für den Einblick in Ihre wissenschaftlichen Forschungen und Einschätzungen, insbesondere rund um PET-Verpackungen.


Das Interview führte Jörg Michael Pläsker.

Ihr Ansprechpartner zum Thema

Jörg Michael Pläsker
blackpoint communications gmbh

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E-Mail: plaesker@black-point.de